Jump to main content

Dissertationsprojekt von Maximilian Schmid

Die Republik und der Arbeitsmarkt

Überblickt man die Titel der Veröffentlichungen zur Weimarer Republik, dann scheint das historische Urteil relativ eindeutig zu sein: „Die verspielte Freiheit“ (H. Mommsen), „Demokratie ohne Demokraten?“ (R. Neebe), „Die improvisierte Demokratie“ (T. Eschenburg) oder „Die überforderte Republik“ (U. Büttner). Und in der Tat, eine durch den Weltkrieg tief erschütterte Gesellschaft wiederaufzubauen, war an mannigfache Probleme geknüpft, vom drängenden Problem der Reparationslasten über die exorbitanten Staatsschulden bis hin zur Demobilisierung eines Millionenheeres. 

Für die Menschen war diese Anhäufung von Problemen vor allem in Form der Arbeitslosigkeit direkt spürbar. Der dunkle Schatten massiver Arbeitslosigkeit begleitete die Weimarer Republik seit ihrem Bestehen und sie bestimmt bis heute unser Bild der ersten deutschen Republik als fragile Demokratie.

Was diese düstere Diagnose jedoch oft in den Hintergrund treten lässt, ist eine vielschichtige Debatte über Lösungsmöglichkeiten für diese Problemlagen, die ebenso von den mutigen Hoffnungen wie von einem ungebrochenen demokratischen Gestaltungswillen der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zeugt. Es fand eine breite Debatte über die „Gestaltbarkeit des Kapitalismus“ (W. Plumpe) statt und das Gravitationszentrum dieser Debatte war unverkennbar der Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit. Wie sollte angesichts der massiven Arbeitslosigkeit der Arbeitsmarkt gestaltet werden? Was soll ein demokratischer Sozialstaat leisten? Und wo soll die Grenze zwischen Arbeitsmarkt und Sozialstaat verlaufen? Diese Debatten hatten keineswegs nur intellektuellen Gehalt. Es wurde eine staatliche Konjunkturpolitik erprobt, die Arbeitslosenversicherung geschaffen und Formen der Interessenvertretung durchgespielt. Nachzuzeichnen, wie die öffentlichen Debatten in den politischen Entscheidungsprozess verwoben waren, ihn prägten und mitgestalten, ist das Hauptanliegen der Promotion.

Dissertationsprojekt von Paul Grimm

Fürsorge und Demokratie

Die zweite Gründung der Arbeiterwohlfahrt und die Rolle der Freien Wohlfahrt im bundesdeutschen Wohlfahrtsstaat (1945-1967)

Zwölf Jahre nach ihrer Auflösung während der NS-Zeit nahm die Arbeiterwohlfahrt, einer der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrt in Deutschland, 1945 die Arbeit wieder auf. Zeitgleich stimmten sich die Alliierten über die künftige Deutschlandpolitik ab. Erklärtes Ziel war die „endgültige Umgestaltung des deutschen politischen Lebens auf demokratischer Grundlage“. Dieses Vorhaben beeinflusste auch die Wohlfahrtsverbände, die weit mehr waren als reine Anstellungsträger sozialer Einrichtungen, deren programmatisch-konzeptionelle Ausrichtung sie mitbestimmen; sie waren darüber hinaus Gestalter der materiellen Rahmenbedingungen sozialer Arbeit, sie dienten als Diskussionsforum für hunderttausende, teils ehrenamtliche, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie als Vertretung der Armen und Benachteiligten, denen sie gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen wollten. Diese Dimensionen sind auf vielfältige Weise mit der demokratischen Entwicklung der jungen BRD verknüpft. Ziel der Studie ist es, das Spannungsfeld von Wiederaufbau der Arbeiterwohlfahrt, der Kriegsfolgen und ihrer Überwindung in der Nachkriegszeit auf der einen Seite und der Demokratisierung der Gesellschaft durch praktische Wohlfahrtsarbeit auf der anderen Seite zu beleuchten. Dabei stellt die Arbeiterwohlfahrt, die sich als einzige Wohlfahrtsorganisation seit der Gründung klar zu sozialdemokratischen Prinzipien bekannte, ein ideales Untersuchungsbeispiel dar.

Die Forschungsarbeit wird gefördert durch ein Stipendium des Cusanuswerkes.

Dissertationsprojekt von Ida Wagner

Schwule und lesbische Erinnerungskultur in Deutschland nach 1945

Das Promotionsprojekt untersucht die Auseinandersetzung westdeutscher queerer Bewegungen mit dem nationalsozialistischen Unrecht zwischen 1970 und 2000. Im Zentrum steht die Frage, wie innerhalb der westdeutschen Schwulen- und Lesbenbewegung unter Einbezug weiterer queerer Akteur*innen das nationalsozialistische Unrecht an queeren Personen erinnert, politisiert und in bewegungsinterne wie öffentliche Debatten eingebracht wurde.
Das Projekt verortet queeres Erinnern als historisch wandelbare Praxis zwischen politischem Kampf und Sorgearbeit und fragt nach dessen Bedeutung für die Entwicklung queerer Bewegungsgeschichte in der Bundesrepublik. Ziel ist es, etablierte erinnerungskulturelle Narrative zu differenzieren und eine systematische, quellenfundierte Analyse queerer Erinnerungspraxen vorzulegen, die insbesondere das Erinnern der westdeutschen Lesbenbewegung aus seiner randständigen und bislang punktuellen Behandlung heraushebt.
Methodisch folgt die Arbeit einem zweigeteilten Ansatz, der einerseits Differenzierungen zwischen schwulem und lesbischem Erinnern sichtbar macht und andererseits verbindende affektive Dimensionen des Erinnerns als relationale Praxis und Sorgearbeit untersucht. Damit leistet die Arbeit einen Beitrag zur Zeitgeschichte der Bundesrepublik, zur Geschichte sozialer Bewegungen sowie zur historischen Erforschung von Erinnerungskulturen.

Zu Ida Wagner.