Die Jahrtausendausstellung & die Rheinlandfeiern 1925
Ein Jahrtausend nach der im Jahr 925 abgeschlossenen Übernahme des mittelfränkischen Reiches Lotharingien in das Ostfrankenreich Heinrichs I. (876-936) fanden im Rheinland und in vielen weiteren Städten des Deutschen Reiches „Jahrtausendfeiern“ statt. Anlässlich des geschichtskulturell konstruierten Jubiläums wurden im Rheinland, vor allem in Aachen und Köln, medial und organisatorisch aufwendige „Jahrtausendausstellungen“ eröffnet. Vor dem Hintergrund einer (befristeten) Besetzung der linksrheinischen Gebiete und des „Ruhrkampfes“ von 1923 ging es den Initiatoren und Förderern, darunter der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, darum, die Zugehörigkeit des Rheinlandes zu Deutschland zu betonen. Die Mitwirkenden dehnten die Definition des „Rheinlandes“ aus, sodass das ebenfalls besetzte Ruhrgebiet wie auch das Saargebiet dazugehören konnten.
Im Sommersemester 2025 setzte sich ein Hauptseminar unter Leitung von Professorin Ute Planert mit dem Themenkomplex Jahrtausendfeier und Rheinland auseinander und beschäftigte sich mit den geschichtspolitischen Zuschreibungen der Feiern und Ausstellungen vor dem Hintergrund der krisenhaften Entwicklungen der frühen 1920er Jahre im Rheinland. Ausgehend von der Kölner Ausstellung nutzten die Studierenden das Programm StoryMaps, um verschiedene Themenbereiche in Form von interaktiven kartenbasierten Präsentationen zu beleuchten. Dafür griffen sie auf ein breites Quellenspektrum zurück - von Zeitungsartikeln, Reden, Verwaltungsakten zur Ausstellungsplanung, bis hin zu Bildmaterial und ausgestellten Kunstobjekten. Die Ergebnisse des Masterseminars sind nun über die untenstehenden Links einsehbar.
(1) Die Jahrtausend-Ausstellung 1925 in Köln: Hintergrundinformationen
Dominik Blum beleuchtet die innen- und außenpolitische Situation Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere die Bedeutung des Versailler Vertrages und seiner Bestimmung über die Demilitarisierung und Besatzung des Rheinlandes nach 1918. Der “Ruhrkampf”, die rassistisch aufgeladene Propaganda gegen die schwarzen Soldaten Belgiens und Frankreichs, die separatistischen Bewegungen und nicht zuletzt die Inflation bilden den historischen Hintergrund, vor dem die Feierlichkeiten 1925 zu lesen sind.
(2) Die Jahrtausendfeier außerhalb Kölns
Köln war nicht die einzige Stadt im Rheinland, die Feierlichkeiten zum “Jubeldatum" 925/1925 ausrichtete. Lennart Waasem beschäftigt sich mit den lokalen Feierlichkeiten in Aachen, Duisburg, Koblenz und Köln vor dem Hintergrund der Konkurrenz zwischen Aachen und Köln um repräsentative Ausstellungsobjekte wie den Reichskleinodien. Auch thematisiert er die Museumsgründungen rund um das Jubiläum im Rheinland.
(3) Die Kölner Ausstellung: Aufbau und Organisation
Lea Fox widmet sich der Organisation und dem Aufbau der Ausstellung in Köln 1925, beginnend mit Konrad Adenauer als zentrale Figur hinter den Kölner Planungen. Was kostete der Eintritt für die Ausstellung und wie finanzierte sich das “Event”? Wie war die Ausstellung aufgebaut und unterteilt? Anhand von Fotografien der Ausstellungsräume beleuchtet Frau Fox die einzelnen Themensetzungen der “Jahrtausendausstellung”.
(4) „Rheinische Leistungsschau”
Jannik Harzheim beschäftigt sich mit der Präsentation von Industrie, Handwerk und Gewerkschaftsarbeit im Sinne einer “Rheinischen Leistungsschau” in der Ausstellung. Die medial inszenierte Funktion des Rheinlandes als Innovationstreiber in Landwirtschaft und Industrie wird anhand der jeweiligen Ausstellungsräume aufgezeigt. Darüber hinaus wird die Darstellung der christlich-sozial geprägten Gewerktschaften und der Ausschluss der sozialistischen Gewerkschaften diskutiert.
(5) Kirchenkunst in der Jahrtausendausstellung 1925
Welche Kunst wählten die Kuratoren zur Repräsentation des Rheinlandes aus? Nicole Appel und Daniel Willenberg skizzieren die Organisation der Abteilung zu Kirchenkunst im Hinblick auf die beteiligten Kuratoren, die Verortung der Ausstellungsräume in der Messe und die Herkunft der Objekte. Besonders treten dabei die kirchlichen Miniaturen und Malereien, Plastiken, und Goldschmiedekunst hervor.
(6) Die Gruppe Kölner Progressive 1925
Während katholische und - deutlich weniger präsent - evangelische Kunst in der Ausstellung ihren Platz fand, waren politisch links-orientierte künstlerische Gruppen nicht vertreten. Eda Kivanc gibt anhand des Künstler*innen-Zusammenschlusses “Kölner Progressive” einen Einblick in die Kölner Kunstbewegungen, die in der tendenziell national-konservativ ausgerichteten Kunstschau außen vor blieben. Wer waren die “Kölner Progressiven”, warum waren sie in der Jahrtausendausstellung nicht vertreten und wie wurden sie (inter-)national rezipiert?
(7) „Propaganda“ - Werbemittel für die Jahrtausendausstellung in Köln 1925
Über Plakate, gedruckte Werbung und die Lokalpresse widmen sich Hilal Kök und Donjeta Abazi der “Propaganda” - also der Bewerbung der Jahrtausendausstellung - im Rheinland und darüber hinaus. Wie konnte die Ausstellung über Köln hinaus mediale Reichweite generieren und welche modernen Medien nutzten die beteiligten Akteure dazu? Die StoryMap beleuchtet die Maßstäbe, die die Ausstellungsgestalter für die Nutzung modernster Medien zur Kommunikation und Identitätsbildung in der Weimarer Republik setzten.
(8) Das Begleitprogramm und der Eventcharakter der Feierlichkeiten
Benedikt Jox und Maren Wieczorek geben einen Einblick in den “Eventcharakter” der Feierlichkeiten von Mai bis August 1925 über die Finanzierung der Feier in den Städten, die Schwerpunktsetzungen im Bereich Sport, Musik und Theater bis hin zu ihren individuellen Ausformungen in den Kommunen. Sie versuchen dabei eine Antwort auf die Frage zu finden, inwiefern die dezentrale Auslegung der Jahrtausendfeiern zu ihrem Erfolg führte.
(9) Die jüdische Abteilung der Jahrtausend-Ausstellung in Köln 1925
Wer konzipierte die jüdische Abteilung der Kölner Jahrtausendausstellung, welche Objekte wurden bevorzugt gezeigt und wie gestaltete sich der logistisch aufwendige Prozess des Verleihs und der Rückgabe? Anhand von Archivgut aus dem Kölner Stadtarchiv beschäftigen sich Magdalena-Maria Auweiler und Robin Geiger mit der jüdischen Abteilung im Gesamtkontext der Ausstellung unter Berücksichtigung der (inter-)nationalen Herkunftsorte der Objekte. Welche Absichten verfolgten die Aussteller und welches Selbstverständnis vermittelte die Abteilung?
(10) Die „Frauenwoche am Rhein“
Mit ihrer StoryMap zur “Frauenwoche am Rhein”, die vom 22. bis 28. Juni 1925 stattfand, lenken Dicle Uylas und Laura Jacobs den Blick über die männer-dominierte Ausstellungsorganisation hinweg auf die Präsenz der Frauen in den Feierlichkeiten. Anhand des Programms der Veranstaltungsreihe, die dem Leitgedanken “Erneuerung der Familie” folgte, werden die beteiligten Frauenverbände, Akteurinnen und Themenschwerpunkte des Programms beleuchtet. Nicht nur die katholische Frauenrechtlerin und Parlamentarierin Helene Weber, sondern auch die Mitbegründerin der Deutschen Demokratischen Partei und Ministerialrätin des Reichsinnenministeriums, Gertrud Bäumer, beteiligten sich.
(11) Das Bild der Jahrtausendfeiern im Ausland
Vor dem Hintergrund der anhaltenden, aber zeitlich absehbaren Besatzungssituation des Rheinlandes rückt die Frage nach der Rezeption der Jahrtausendfeier und Ausstellung im Ausland in den Blick. Irina Alt und Timon Gippert geben am Beispiel der anglophonen Presse, der britischen London Times, der in Köln herausgegebenen britischen Besatzungszeitung Cologne Post und der amerikanischen New York Times Einblicke in die Brisanz der Feierlichkeiten. Auch nähern sie sich der Frage, wie die Interalliierte Rheinlandkommission sich zu den geplanten Feierlichkeiten positionierte.
(12) Geschichtspolitik im Kontext der Jahrtausendausstellung 1925
Chiara Prinz widmet sich der Positionierung von Politik und Geschichtswissenschaft zu den Feierlichkeiten, als auch den geschichtspolitischen Prämissen, die sie rahmten. Welche Akteure waren an der Propagierung der tausendjährigen Zugehörigkeit des Rheinlandes zum Deutschen Reich beteiligt und welche Programmatik verfolgten sie? Anhand der Ausstellungsräume, des Planungsausschusses und der “Historikerschlacht” der 1920er-Jahre tritt die Intention hervor, sich gegen die Besatzungssituation und -mächte im Rheinland zu positionieren, wie auch gegen separatistische Bestrebungen und französische Gebietsansprüche.
(13) Die Historiker, die Jahrtausendfeier und ihr Geschichtsbild
Unter Rückgriff auf publizistische Quellen im Umfeld der Jahrtausendfeier und -ausstellung in Köln analysiert Marie Benke die “Erinnerungsorte” des 19. Jahrhunderts, auf die die Historiker, Politiker und Schriftsteller zur Begründung des “Jubeldatums” 1925 zurückgriffen. Wie versuchten sie der breiten Öffentlichkeit die angebliche Kontinuitätslinie 925 - 1925 vertraut zu machen und welche Rolle spielte dabei der Nachbar Frankreich? Sie geht dabei auf die fehlende geschichtskulturelle Relevanz des Datums 925 in der deutschen Erinnerungskultur der 1920er-Jahre ein, skizziert die Genese der Idee für die Feierlichkeiten und beleuchtet die feinen Unterschiede in den Historiker-Deutungen des Datums 925. Dabei nahm der Rhein als umkämpfter Strom zwischen Frankreich und Deutschland einen zentrale Position ein.
