Profil
Die Abteilung für Neuere Geschichte in Köln umfasst die Bereiche der Frühen Neuzeit und der Moderne bis in die unmittelbare Vorgeschichte der Gegenwart.
Sechs Professuren vertreten ein vielfältiges Spektrum von Themen und methodischen Ansätzen in Forschung und Lehre. Die Abteilung hat einen Schwerpunkt in der deutschen und europäischen Geschichte, der durch transnationale Perspektiven auf außereuropäische und koloniale Entwicklungen erweitert wird.
Die Kooperation mit anderen Bereichen des Historischen Instituts und Fächern der Philosophischen Fakultät trägt zu einem breit gefächerten Lehrangebot in der Neueren Geschichte bei. Studierende werden zu eigenständigem, forschungsnahem Lernen angeregt.
Der Transfer von historischem Wissen in die Öffentlichkeit wird unter anderem durch die Beteiligung an der Master-Studienrichtung „Public History“ und durch Möglichkeiten digitalen Publizierens gefördert.
Europäische Geschichte im globalen Kontext
So wichtig der nationale Rahmen in der europäischen Geschichte war, vollzogen sich historische Ereignisse doch selten in einem abgeschlossenen Raum, sondern waren zumeist in Prozesse von grenzübergreifender europäischer und weltweiter Bedeutung eingebunden. Europäische Geschichte im globalen Kontext stellt daher in Forschung und Lehre der Abteilung Neuzeit am Historischen Institut der Universität zu Köln einen wichtigen thematischen Schwerpunkt dar. In einem weiten zeitlichen Horizont vom 18. bis zum 20. Jahrhundert werden Strukturen und Prozesse analysiert, die den Kontinent und die mit ihm in Verbindung stehende Welt bis heute prägen. Dazu gehört die Geschichte von Kriegen und Revolutionen ebenso wie die Herausbildung von Imperien und Nationalstaaten, die Entstehung bürgerlicher Herrschaft, die Durchsetzung industriekapitalistischer Wirtschaftsformen oder die Etablierung internationaler Ordnungssysteme.
Geographisch stehen dabei zum einen die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Prägekräfte und Wandlungsprozesse in Westeuropa und seinen verschiedenen Regionen im Mittelpunkt. Zum anderen liegt ein Fokus auf den globalen Verflechtungen und Interaktionen zwischen Westeuropa und der außereuropäischen Welt.
Neben Methoden des historischen Vergleichs und der Untersuchung von Transferprozessen kommen dabei auch Theorieansätze aus dem Repertoire der cultural und postcolonial studies, der transnationalen Geschichte und der neuen Politikgeschichte zum Tragen. Auf diese Weise wird deutlich, dass sich das moderne Europa in einer Geschichte vielfältiger Konflikte und Wechselbeziehungen herausbildete, die nicht nur den Kontinent selbst, sondern auch die Einflüsse außereuropäischer Regionen umschloss.
Am Historischen Institut der Universität zu Köln ist der Schwerpunkt Europäische Geschichte im globalen Kontext mit einer Reihe von Forschungsfeldern vertreten:
- Herrschafts-, Kultur- und Mediengeschichte im Westeuropa des 18. Jahrhunderts; Geschichte Frankreichs: Ancien Régime und Französische Revolution; Geschichte des frühneuzeitlichen Sammelns und „Zeigens“ (Gersmann);
- Transformationsprozesse von der alteuropäischen zur modernen Gesellschaft, insbesondere die Geschichte des napoleonischen Zeitalters in seinen inner- und außereuropäischen Bezügen, politische Verflechtungen im Europa des langen 19. Jahrhunderts, Kriegs-und Nationalismusforschung sowie Geschichte von Geschlecht, Medizin und Sexualität (Planert);
- vergleichende Geschichte der europäischen Kolonialimperien in der Phase des Hochimperialismus, insbesondere Wissenstransfer zwischen Kolonialimperien sowie Geschichte des kolonialen Afrikas (Lindner).
Transformationen
Die Herausbildung des modernen Europa in der Neuzeit trieb eine Reihe komplexer Transformationsprozesse voran, welche die europäische Staatenwelt und die mit ihr verflochtenen außereuropäischen Gesellschaften grundlegend veränderten. Dazu gehörten außer dem Ende der Feudalherrschaft und der Durchsetzung des Kapitalismus mehrere Basisprozesse, die das Leben in der Moderne prägten: Industrialisierung und Urbanisierung, demographischer Wandel, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Bürokratisierung, Migration und Staatsbildung, koloniale Ausbeutung und imperiale Herrschaft, aber auch Konflikte um soziale und politische Partizipation oder eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse. Im Mittelpunkt des Interesses stehen das Verhältnis von Kontinuität und Wandel sowie die Analyse komplexer Veränderungsprozesse. Dabei soll es, im Unterschied zu älteren Modernisierungstheorien, nicht um Richtung und Ziel oder eine Bewertung des Strukturwandels gehen.
Transformationskonzepte wie die „Sattelzeit“ um 1800, die „lange Jahrhundertwende“ um 1900 oder die „Wende“ von 1989/90 sind von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Neueren Geschichte und ihrer Deutungen. In ihnen verdichten sich sowohl Phänomene als auch Wahrnehmungen von historischem Wandel. Strukturen, Ordnungen und Erfahrungen ändern sich in solchen Phasen ebenso wie die Selbstdeutungen der Gesellschaft und das Bewusstsein historischer Zeit. Zugleich handelt es sich um nachträglich verfestigte oder entwickelte historiographische Konzepte, welche helfen, die Vergangenheit zu strukturieren.
Während in der Regel nur einzelne Transformationsphasen je für sich betrachtet werden, zielt das Kölner Schwerpunktprogramm darauf ab, in Forschung und Lehre eine zeit- wie raumübergreifende Perspektive auf Zeiten beschleunigten historischen Wandels zu gewinnen. Durch den Vergleich über Epochen- und Regionengrenzen entsteht ein konzeptioneller Rahmen, der sowohl die Veränderungsprozesse selbst als auch die Etablierung zugehöriger Deutungsfiguren als Bestandteil eines neuzeitlichen Geschichtsverständnisses umfasst.
Der Schwerpunkt „Transformationen“ wird in der Abteilung durch mehrere Forschungsprofile abgebildet:
- Sattelzeit als Gesellschaftstransformation: Das Modell der Gesellschaftstransformation beschreibt die Umbrüche um 1800 jenseits der Dichotomie von Revolution und Reaktion als komplexes Geflecht von allmählichen Veränderungen, revolutionären Episoden, adaptiven Situationen und erneuten Aufbrüchen, die sich in Wechselbeziehung von europäischer und außereuropäischer Welt vollzogen (Planert)
Zeitgeschichte
Zeitgeschichte meint die geschichtswissenschaftlich begründete Reflexion über die Vorgeschichte der Gegenwart. Sie trägt dazu bei, heutige Problemkonstellationen, Strukturen und Denkmodelle in historischer Perspektive zu begreifen. Die Zeitgeschichte fragt deshalb nach Kontinuitäten, aber es geht ihr auch um Diskontinuitäten und der eigenen Gegenwart nicht vordergründig sichtbare Entwicklungen und Repräsentationen des gerade Vergangenen als Teil der historischen Sinnbildung.
Der Blick fällt dabei in zunehmendem Maße auf die jüngste Vergangenheit seit den 1970er Jahren. Diese unmittelbare Zeitgeschichte ist in historisch weiter gefasste Zeithorizonte einzubetten: die Nachkriegsrekonstruktion und den gesellschaftlichen Wandel seit 1945, die Instabilität und extreme Gewalt seit dem Ersten Weltkrieg und in der Zeit des Nationalsozialismus sowie die Pluralisierung von Lebensentwürfen im 20. Jahrhundert und die Verflechtungen der europäischen Geschichte mit den Entkolonialisierungsprozessen.
Angesichts ihrer ungebrochen hohen Bedeutung für die öffentliche Selbstvergewisserung bildet die deutsche Geschichte einen wichtigen Pfeiler der Zeitgeschichte in Köln. Gleichzeitig lassen sich zahlreiche historisch folgenreiche Prozesse nicht in einem nationalstaatlich abgeschlossenen Rahmen verstehen. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist daher in ihren vielfältigen europäischen, transnationalen und globalen Bezügen zu betrachten. Hieraus ergeben sich vielfältige Anschlüsse an die europäische Zeitgeschichte und die Geschichte der Entkolonialisierung.
Thematisch geht es vor allem um zentrale Triebkräfte, Bedingungsgefüge, Aushandlungen und Wandlungsprozesse in und zwischen den Bereichen Politik, Gesellschaft, Kultur und Medien sowie Wissenschaft und intellectual history. Dabei werden auch die methodischen Besonderheiten der Zeitgeschichtsschreibung in die Reflexion einbezogen. Zeitgeschichte ist immer unabgeschlossen und muss sich mit Erfahrungen und Selbstbeobachtungen der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen auseinandersetzen. Zudem verfügt sie über einen immensen Quellenfundus, der für diese Epoche charakteristische Forschungsfelder eröffnet.
Der Schwerpunkt „Zeitgeschichte“ wird in der Abteilung durch mehrere Forschungsprofile abgebildet:
- Geschichte politischer und sozialer Dynamiken von Massengewalt, Holocaust und Genoziden im 20. Jahrhundert sowie deren mediale Repräsentation, kulturelle Erinnerung und politischer Gebrauch, insbesondere zum Nationalsozialismus und seinen Folgen (Knoch);
- Deutsche Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sowohl die Geschichte von Herrschaft und Gesellschaft in der SED-Diktatur als auch Prozesse politischen, sozialen und kulturellen Wandels in der Bundesrepublik sowie deren Verflechtungen umfasst (Kramer);
- Geschichte der Sozialpolitik nach 1945 im europäischen Vergleich und im globalen Kontext, postkoloniale Verflechtungen der europäischen Nachkriegsgeschichte, die auch Entkolonialisierungsprozesse in Afrika einbeziehen (Lindner).